Lieber Michael, die Legal Tech und Legal Startup Szene erlebt derzeit in Deutschland einen kleinen Boom und erhöhte Aufmerksamkeit. Es gibt im deutschsprachigen Raum wahrscheinlich nur wenige Menschen, die diesen Markt so gut kennen wie du. Mit deiner Firma QNC bist du bereits seit dem Jahr 2000 in diesem Markt aktiv. Wie kam es dazu, dass ihr im Jahr 2000, als für Anwälte Internet nun wirklich noch "Neuland" war, 123recht.net zu launchen?

Lieber Micha,

vielen Dank für das Kompliment! 


Meine Mit-Gründer (Arne Schinkel, Michael Hoder und Daniel Friedmann) und ich haben schon immer aus Mandantensicht gedacht. Unsere Vision war es, ein Portal zu schaffen, dass Transparenz schafft, Hemmschwellen senkt und Ratsuchenden hilft, innerhalb von Minuten Ihre rechtlichen Probleme zu lösen.


Es gab ja damals nur die gedruckten Gelben Seiten und Adressverzeichnisse im Internet. 


Mit unserer Meinung, dass Menschen im Internet zunächst nach einer Lösung für ihr Problem suchen und nicht nach einem Anwalt, waren wir zunächst alleine. 


So haben wir dann konsequent angefangen, Ratgeber-Content und ein Diskussionsforum aufzubauen. Die Anwälte kamen erst 2002 dazu. Zu dem Zeitpunkt hatten wir aber bereits über 100.000 Besucher monatlich.

Sehr interessant... Du deutest wichtige Stichpunkte für den Erfolg im Internet an: Reichweite, Traffic und Content. Was ist aus deiner Sicht und Erfahrung ein zentraler Punkt, um für  juristische Dienstleistungen im Internet genügend Traffic zu generieren? Wenn man sich die (hohen) Preise für AdWords-Kampagnen für Anwälte anschaut, beschleicht einen das Gefühl, dass viele Anwälte über klassische Onlinewerbung versuchen, potentielle Kunden zu erreichen bzw. gewinnen...

Der entscheidende Punkt ist aus meiner Sicht die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen des Angebots. Die User merken sofort, ob die Seite für den Mandanten gemacht ist oder nur für Suchmaschinen oder um die Eitelkeiten der Anwälte zu befriedigen. Über ein Drittel unserer 2,5 Mio. Visitor monatlich sind wiederkehrende Nutzer. Das kann man nur erreichen, wenn die Nutzer einem zu 100% vertrauen und zufrieden sind.

Viele Nutzer können heute schon Adwords-Landingpages von "echten" Seiten unterscheiden. Die conversion rate dieser Seiten wird in der Zukunft immer mehr sinken.

Das sind beeindruckende Zahlen. Was sind und waren eure größten Herausforderungen auf eurem nun schon längerem Weg? Und wie waren die Reaktionen von Anwälten als ihr mit 123recht.net gestartet seid? Lässt sich aus eurer Perspektive ein Mentalitäts- und Akzeptanzwandel von Anwälten und Rechtssuchenden beobachten?

Die größte Herausforderung war die Akzeptanz der Anwälte. Die Ratsuchenden haben unsere Plattform schon immer geliebt. Endlich gab es einen schnellen Zugang zum Recht.

 

Die Anwälte waren am Anfang sehr kritisch. Das hat sich dann aber gewandelt, als sie merkten, dass wir Ihnen eine ganz neuen Mandantenschicht bringen. Nämlich die, die vorher wegen der Schwellenangst noch nie zum Anwalt gegangen sind.


Allerdings verstehen manche Kollegen immer noch nicht, wie unsere Plattform funktioniert. Eben hatte ich einen Anwalt am Telefon, der kündigen wollte. Er sagte mir, dass es sich nicht rechne, für 25€ Euro fragen zu beantworten. Innerhalb eines Jahres hat er fast 300 Fragen beantwortet, er sei aber nicht zufrieden. Auf meine Frage hin, ob er nicht auch Folgemandate über die Sichtbarkeit seiner Antworten bekomme habe, sagte er: Doch, gerade erst letztens ein großes Mandat mit einem Streitwert über 100.000€. Aber für 25€ Fragen zu beantworten, lohne sich für ihn nicht.


Da ist noch viel betriebswirtschaftliche Aufklärungsarbeit zu leisten!

Wirklich erstaunlich...  Ein anderes Thema: In der WiWO Gründer wirst du mit den Worten zitiert, dass ihr eine „Klonarmee von Superanwälten“ aufbauen wollt. Was verbirgt sich dahinter? Und was sind eure Pläne, soweit man schon darüber sprechen kann, für das Jahr 2016?

Die Idee dahinter ist, dass wir das heterogene Angebot der Anwälte standardisieren möchten. Ein Nutzer unserer Plattform soll bei jedem rechtlichen Problem, das wir für ihn lösen, die gleiche optimale Service-Erfahrung machen. Zurzeit können wir in vielen Fällen kein Produktversprechen machen, da die Leistung der Anwälte zu verschieden sind. Hier kommt dann bald unsere Klonarmee von Superanwälten ins Spiel. Aber mehr kann ich leider noch nicht verraten.
Darüber hinaus werden wir in 2016 unser sehr erfolgreiches Geschäftsfeld mit intelligenten rechtlichen Dokumenten ausbauen. Mittlerweile haben über 200.000 Nutzer unsere Generatoren genutzt, um sich ein personalisiertes Dokument zu erstellen.
Um diese und unseren anderen Pläne schneller zu verwirklichen, sind wir zurzeit auch auf der Suche nach einem geeigneten Investor. Dazu wollen wir auch unseren Pitch Anfang Februar auf der Legaltechshow in New York City nutzen.

Da habt ihr euch für das neues Jahr ja einiges vorgenommen. Viel Erfolg damit! Was sind deine Prognosen und Hoffnungen für Legal Tech im Jahr 2016 und darüber hinaus? Welche Entwicklungen werden wir aus deiner Sicht beobachten können?

Vielen Dank, lieber Micha! Für das neue Jahr wünsche ich mir mehr Mut bei den deutschen Investoren. Es gibt so viele gute Ideen und Teams, die sich mit LegalTech beschäftigen. Ich denke, dass im noch jungen Jahr die Themen Online Dispute Resolution (ODR) und Blockchain eine große Rolle spielen werden. Und in den nächsten Jahren werden weiterhin Digitalisierung und Prozessautomatisierung die großen Themen in der Branche sein und bleiben. Hier wollen wir weiterhin eine große Rolle spielen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Besten Dank zurück!

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